|
|
|
Fallbeispiel HumaninsulinHypo am LenkradDer schweizerische Beobachter31. Oktober 1997 - Nr. 22 BRENNPUNKT Diabetes: "Wie angeworfen war das Hypo da"Eine Studie belegt: Das heute gespritzte Humaninsulin kann die Reaktionen von Diabetikern schmälern - zum Beispiel am Lenkrad. Harnold Moorlag hat es erlebt. von Esther Haas Harnold Moorlag kann sich an den Beinahe-Unfall nicht erinnern, seine Schwester Jeannette dafür um so besser: "Wir fuhren ganz normal auf der Autobahn. Plötzlich steuerte mein Bruder das Auto Richtung Leitplanke. Zuerst dachte ich, er sei eingeschlafen. Er hatte die Augen jedoch offen. Ich schrie: Harnold, fahr auf den Parkplatz! Obwohl er äusserlich überhaupt nicht reagierte musste er den Sinn meines Geschreis wahrgenommen haben. Er fuhr das Auto auf den Parkplatz - dann tauchte er ganz weg." An diesem frühen Dezembermorgen vor zweieinhalb Jahren war Harnold Moorlag am Steuer weder eingeschlafen, noch war Alkohol im Spiel. Der damals 20-jährige Diabetiker hatte einen unerwarteten Blutzuckerabfall: Die plötzlich auftretende Hypoglykämie machte ihn handlungsfähig. "Wie angeworfen war das Hypo da", erinnert sich Moorlag. "Keine der üblichen Symptome wie Schwitzen, Zittern oder Hungergefühl haben mich vorgewarnt." Die Geschwister Moorlag hatten Glück: Sie konnten den Selbstunfall verhindern. Hypoglykämie als Ursache eines Verkehrsunfalls ist jedoch so selten nicht. In seiner Dissertation nahm der Arzt Rolf Seeger 120 Unfälle "durch anfallsartige Bewusstseinsstörungen" unter die Lupe, die sich zwischen 1988 und 1992 im Kanton Zürich ereignet hatten. Bei 71 gelang es ihm, die Bewusstseinsstörung genauer zu definieren: Die Unfallursache "Hypoglykämie" rangiert mit 14 Fällen an zweiter Stelle, hinter "epileptischer Anfall" mit 23. Das Auge des Rechtsmediziners war geschärft. 1994 zählte Seeger drei, 1995 bereits acht und letztes Jahr neun Unfälle, die auf eine Hypoglykämie zurückzuführen waren. Wohlgemerkt: Diese Zahlen beziehen sich einzig auf den Kanton Zürich und nur auf Dossiers, die der Verkehrsmedizinischen Abteilung des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Zürich zur Abklärung vorgelegt wurden. Seeger rechnet denn auch mit einer Dunkelziffer. "Unfälle von Diabetikern, die auf eine Absenz durch Unterzuckerungen zurückzuführen sind, nehmen zu", sagt Seeger; er weiss auch warum: "Um Spätfolgen wie Augen- und Nierenschäden zu verhindern, werden Diabetikerinnen und Diabetiker mittels Insulin seit einigen Jahren generell auf tiefere Blutzuckerwerte eingestellt. Das erhöht die Gefahr einer Unterzuckerung." Abhilfe schafft nur eines: vor der Autofahrt den Blutzucker kontrollieren. Und wo dies nicht möglich ist, vorbeugend etwas Nahrung zu sich nehmen. "Das vermindert das Risiko drastisch, im Auto von einem Hypo überrascht zu werden." Als weiterer Risikofaktor erweist sich das seit Mitte der achtziger Jahre eingeführte gentechnisch hergestellte Insulin (Humaninsulin). "Nicht alle Insulinabhängigen", so Arthur Teuscher, Diabetesspezialist am Berner Lindenhofspital, "vertragen Humaninsulin gleich gut" (Beobachter 17/92). Augenfälligster Unterschied: Die Unterzuckerung tritt oft praktisch ohne Vorwarnung ein und führt zu teilweise extremen Bewussteinsstörungen. Eine Studie stützt nun diese Beobachtungen, die Teuscher in seiner Diabetessprechstunde schon seit Jahren an zahlreichen Patientinnen und Patienten macht. Das Team des Pharmakologischen Instituts der Uni Zürich mass im Schlaflabor bei acht Diabetikern und Diabetikerinnen während je zwei Nächten die Hirnströme: Die Versuchspersonen nahmen zuerst tierisches Insulin, dann Humaninsulin und dann wieder tierisches Insulin. Resultat: Unter Humaninsulin nahm die Hirnsignalaktivität "hoch signifikant" ab. Bei Abgabe von tierischem Insulin stieg sie wieder an. Teuscher: "Dies beweist, dass die beiden Insuline auch bei normalem oder leicht erhöhtem Blutzucker verschieden aufs Hirn wirken. Die geringere Hirnaktivität unter Humaninsulin, gepaart mit einem fallenden Blutzucker, verursacht dann die Bewusstseinsstörung." Harnold Moorlag hat diese Zusammenhänge am eigenen Leib erfahren. Der heute 23jährige spritzte während Jahren Humaninsulin - immer mit dem drohenden schweren Hypo im Nacken. Mehr als einmal lag er bewusstlos im Bett; die Familie musste ihn notfallmässig ins Spital bringen. Die Ärzte waren ratlos. Vor gut drei Monaten hat er unter Anleitung von Professor Teuscher im Lindenhofspital Bern auf tierisches Insulin umgestellt. Seither hatte er kein plötzliches Hypo mehr. Grund: Mit tierischem Insulin erkennt er den Blutzuckerabfall rechtzeitig. Moorlags Kommentar: "Mir geht es blendend!" Selbsthilfe: Hier gibt's tierisches InsulinMit geschickten Marketingstrategien ist es Hauptanbieter Novo Nordisk in den achtziger Jahren gelungen, den Schweizer Insulinmarkt auf das gentechnisch synthetisierte "Humaninsulin" umzustellen und das tierische Insulin fast gänzlich zu verdrängen. Diabetikerinnen und Diabetiker, die mit tierischem Insulin gesundheitlich besser fahren, hatten das Nachsehen. Die Selbsthilfevereinigung ForumInsulinSchweiz FIS informiert interessierte Diabetiker und Diabetikerinnen über das aktuelle Insulinangebot. In der Schweiz sind mehrere tierische Schweineinsuline zugelassen und gegen ärztliches Rezept in der Apotheke erhältlich - auch in kleinen Ampullen abgefüllt zur Verwendung mit dem Insulin-Pen. Wer ein anderes tierisches Insulin vorzieht, kann sich bei FIS über Bezugsmöglichkeiten informieren. |
|
|
© 2008 Stiftung Ernährung und Diabetes, Bern |