Stiftung Ernährung und Diabetes, Bern

Hypoglykämien mit Humaninsulin

Enthusiasmus und Ernüchterung

Als Humaninsulin in den 80er Jahren auf den Markt kam, hoffte man, dieses Insulin sei physiologischer und würde weniger Allergien verursachen als tierisches Insulin. Diese Erwartung erfüllte sich nicht: Beide Insulinsorten verursachen ungefähr gleich selten Antikörper. Nach 20 Jahren Erfahrung kann man sagen, dass die Behandlung mit Humaninsulin keine Vorteile bringt. Zu diesem Schluss kommt auch der neuste Cochrane-Bericht.

Der weltweite Siegeszug des Humaninsulins verursachte im Gegenteil bei einer Minderheit von etwa 10% aller DiabetikerInnen erhebliche gesundheitliche Nachteile: Die Umstellung auf Humaninsulin kann zu Veränderung oder Verlust der Wahrnehmung von Warnzeichen bei abfallendem Blutzucker (Hypoglykämie) führen. Weitere Probleme sind Müdigkeit, Persönlichkeitsveränderungen, chronische Schmerzen und rheumatische Beschwerden.

Diese Erfahrungen nach der breiten Einführung von Humaninsulin von 1984 bis 1987 gaben Anlass zu wissenschaftlichen Studien der Universitäten Bern und Basel, welche die Auswirkungen auf die Hypoglykämiewahrnehmung im Alltag untersuchten. Über ein Drittel (Bern) und über die Hälfte (Basel) der Insulinbehandelten gaben an, unter Humaninsulin vermehrt plötzlich auftretende Hypoglykämien oder eine veränderte Wahrnehmung der Warnzeichen festgestellt zu haben. Sie spürten die "klassischen" Symptome Schwitzen, Zittern und Hunger seltener. Diese Nebenwirkungen traten nicht immer zu Beginn der Therapie, sondern manchmal erst nach einigen Wochen oder Monaten auf. Eine Auswertung der Medizinischen Universitätsklinik Bern von 112 Notfällen von schwerer Hypoglykämie in acht repräsentativen Spitälern des Kantons Bern für den Zeitraum, in dem die meisten Umstellungen stattfanden, ergab eine dreimal höhere Zahl von Hospitalisationen mit Humaninsulin. Die Zunahme erfolgte parallel zur Behandlungszunahme mit Humaninsulin.

Sie haben die Wahl

Viele Patienten wechselten auf die neuen Insuline. Manchmal auf Grund des Enthusiasmus, der von der Ärtzte- und Wissenschaft ausging, manchmal, weil die Hersteller ihre bisherigen Insuline vom Markt nahmen oder zumindest ankündigten, dies zu tun. Die Umstellungswelle in den 80er Jahren muss heute vom medizinischen Standpunkt her jedoch als unnötiges Risiko eingestuft werden. Sie brachte der Pharmaindustrie höhere Gewinne, den Patientinnen und Patienten jedoch keine besseren Behandlungsmöglichkeiten. Aus diesem Grund hielt die International Diabetes Federation 2005 in einem Positionspapier folgendes fest - auch mit Blick auf die Zunahme der Behandlung mit Analoga:

"Es gibt keinen zwingenden Grund, eine bestimmte Insulinart einer anderen vorzuziehen, und Patienten sollten nicht ohne Grund auf eine andere Insulinart umgestellt werden."

Tierisches Insulin und Humaninsulin sind für viele Diabetikerinnen und Diabetiker nicht schlechter als Analoga, und wer sich mit seinem Insulin gut fühlt, sollte nicht wechseln müssen. Für Personen, welche eine Insulinbehandlung benötigen, bedeutet dies: Wählen Sie das Insulin, mit dem Sie sich sicher fühlen. Bestehen Sie auch gegenüber Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin darauf. In der Schweiz sind weiterhin sowohl tierische Insuline wie auch Humaninsuline erhältlich.

Referenzen:

Mehr Studien zum Thema siehe Bellagio Report
Ho L.T. et al.: A twelve month double-blind randomized study of the efficacy and immunogenicity of human and porcine insulins in non-insulin-dependent diabetics, Zhonghua Yi Xue Za Zhi (Taipei). 1991 May;47(5):313-9
Balsells M. et al.: Insulin antibody response to a short course of human insulin therapy in women with gestational diabetes. Diabetes Care. 1997 Jul;20(7):1172-5
Cochrane Library, Richter B, Neises G: 'Human' insulin versus animal insulin in people with diabetes mellitus. Art. No.: CD003816. DOI: 10.1002/14651858.CD003816.pub2.
Teuscher A. et al.: Hypoglycaemia unawareness in diabetics transferred from beef/porcine to human insulin. The Lancet 1987; ii:382-85.
Berger W. et al.: Warning symptoms of hypoglycaemia during treatment with human and porcine insulin in diabetes mellitus. The Lancet 1989; I:1041-44.
Egger M et al: Risk of severe hypoglycaemia in insulin treated diabetic patients transferred to human insulin: a case control study. British Medical Journal 1991; 303: 617-21.
International Diabetes Federation: Position Statement on Animal, Human and Analogue Insulins. März 2005

Fallgeschichte: Humaninsulin-Hypoglykämie im Strassenverkehr

Mehr zum Thema finden Sie in der englischsprachigen Publikation "Insulin - a Voice for Choice"

 

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