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Bellagio Report
Dass die Rockefeller-Stiftung mit Sitz in New York im Frühjahr 1996 das Gesuch der PVNI-Schweiz (heute: ForumInsulinSchweiz) guthiess und die Durchführung des ersten internationalen Seminars "Entwicklung einer Strategie zur Erhaltung der tierischen Insuline" ermöglichte, war ein grosser Erfolg. Die Stiftung unterstützt weltweit Projekte wissenschaftlicher und entwicklungs- politischer Art, u. a. die Förderung einer bedürfnisgerechten Gesundheitsversorgung, die Umwelt und besondere Bedingungen in Entwicklungsländern miteinbezieht. Während einer Woche fand im Rockefeller Konferenzzentrum Bellagio (Como, Italien) ein intensiver Erfahrungsaustausch in der internationalen Insulin-Arbeitsgruppe statt. Zum Team gehörten Vertreter und Vertreterinnen aus verschiedensten Tätigkeitsbereichen der Gesundheits-Basisversorgung bis zur wissenschaftlichen Forschung, von Diabetes-Organisationen und Diabetes Medien. Der BELLAGIO REPORT 1996 ist ein Konsens der zusammengetragenen Erfahrungen und Forderungen und dient als Grundlage für die weiteren internationalen Aktionen zur Erhaltung der tierischen Insuline.
BELLAGIO-BERICHT* der Internationalen Arbeitsgruppe Insulin:"Über die Notwendigkeit einer umfassenden Information von Diabetikerinnen und Diabetikern bei der Wahl ihrer Insulinbehandlung"mit Unterstützung der Rockefeller Foundation, New York, N.Y. * Deutsche Übersetzung der englischen Originalversion Das Wohlergehen von Menschen mit Diabetes hängt wesentlich davon ab, ob sie aktiv am Behandlungsplan des Arztes, der Ärztin partizipieren können. Dazu sind sie auf eingehende Informationen über die Vorteile, Risiken und Alternativen der Therapie angewiesen, um eine freie Wahl aus den Behandlungsmöglichkeiten treffen zu können. Neue Forschungserkenntnisse erklären die unterschiedlichen Hypoglykämie-Warnzeichen (Symptome bei Blutzuckerabfall) bei Verwendung von gentechnisch hergestelltem Humaninsulin im Vergleich zu natürlichem tierischem Insulin. Die Diskussion über diese Unterschiede dauert seit der Einführung des Humaninsulins vor rund 15 Jahren an; leider wurden die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten nur zu oft als "Einzelfälle" und daher von geringem Wert eingestuft. Diese Patientenerfahrungen wurden jetzt durch die Erkenntnis bestätigt, dass neurophysiologische Unterschiede beim Verlauf der Hypoglykämie unter Humaninsulin im Vergleich zur Hypoglykämie unter tierischem Insulin bestehen. Die Wissenschaft konnte bis heute keinen Vorteil von Humaninsulin für die Praxis aufzeigen. Es wird schneller resorbiert, wirkt somit kürzer und verursacht grössere Schwankungen des Blutzuckers. Trotzdem wurde immer wieder argumentiert, Humaninsulin müsse das Insulin der ersten Wahl sein, weil es mit dem körpereigenen Insulin identisch sei. Neurophysiologische Untersuchungen im Bereich des Hirnstammes bei beginnender Hypoglykämie lassen die geschilderten negativen Erfahrungen vieler Zuckerkranken mit Humaninsulin deutlicher erklären. In Anbetracht dieser Zusammenhänge empfehlen wir:
Rockefeller Study & Conference Center Die Unterzeichnenden: Prof. Arthur Teuscher, MD (Co-Chairman) Switzerland Dr. Pier Luigi Barbero, MD Italy Nina Bollhalder Sureskumaran (Secretary) Switzerland Jenny Hirst, FBCO (Rapporteur) UK Dr. Matthew Kiln, MB.BS/DRCOG (Co-Chairman) UK Scott King, Editor-In-Chief USA Dr. Kristian Midthjell, MD Norway Dr. Deo Mtasiwa, MD/PhD Tanzania Dr. Shiva Murugasampillay, MB.BS/MSc (unable to attend) Zimbabwe Prof. Malina Petkova, MD Bulgaria Wissenschaftliche Informationen zum Bellagio Report 1996** Deutsche Übersetzung der englischen Originalversion Verhinderte oder fehlende Wahrnehmung von Humaninsulin-Hypoglykämien. Indizienhäufung zum PhänomenOffensichtliche Unterschiede zwischen tierischem und gentechnischem InsulinDie natürlichen tierischen Insuline werden seit ihrer Entdeckung vor 75 Jahren für die Diabetesbehandlung verwendet. Anfangs der 80er Jahre setzte die Umstellung auf die sogenannten Humaninsuline ein, welche heute weltweit in Gebrauch sind. Die verbreitete Meinung, dass die gentechnisch synthetisierten Insuline wegen ihrer Aminosäuren-Sequenz mit dem endogenen humanen Insulin identisch und deshalb vorzuziehen seien, lässt sich bis heute durch keinen Vorteilnachweis für die Diabetesbehandlung im Alltag stützen. Das Thema "hypoglycaemia unawareness", d. h. fehlende oder verminderte Hypoglykämie-Wahrnehmung, ist nicht neu und wird seit der Insulin-Entdeckung in den 20er Jahren diskutiert. Hauptsächlich insulinabhängige Diabetikerinnen und Diabetiker haben wiederholt über verminderte oder fehlende Warnsymptome und plötzliche, unerwartet auftretende Hypoglykämien geklagt. Die Debatte spitzte sich zu, als 1987 erstmals in der englischen Fachzeitschrift THE LANCET vor einer offensichtlichen Zunahme dieses Hypoglykämie-Syndroms in Zusammenhang mit der Umstellung auf Humaninsulin und den möglichen schwerwiegenden Folgen für insulinabhängige Diabetikerinnen und Diabetiker gewarnt wurde. 1, 2 Auf diese Beobachtungen aus der Sprechstunde folgten kontrollierte Studien in der Schweiz, die Humaninsulin mit tierischem Insulin verglichen und ähnliche Beobachtungen aus verschiedensten Ländern bestätigten.3, 4, 5 Weltweit beobachten Fachleute seit 1982 bis heute bei Humaninsulin Unterschiede zum tierischen Insulin: Abschwächung der Hypoglykämiesymptome, Schwierigkeiten bei der Diabeteskontrolle (insbesondere auffallend schwankende Nüchternblutzuckerwerte), Zunahme schwerer Hypoglykämie-Ereignisse ohne Vorwarnung, unerwartete Todesfälle. Humaninsulin wird auch mit dem sogenannten "dead in bed syndrome" in Zusammenhang gebracht: plötzlicher unerklärbarer Tod bei ca. 50 jüngeren insulinabhängigen Diabetikern, "...die bei nachweisbar guter Gesundheit schlafen gingen und später tot im Bett gefunden wurden; alle wurden autopsiert ohne Befund, Alkohol oder Drogen" 6, 7, 8 Die vollständige Erklärung für dieses Syndrom steht noch aus. Seit der Einführung (1982) von DNA-rekombiniertem Humaninsulin trägt der Packungsprospekt in den USA auf Verlangen der Herstellerfirma Lilly (USA) eine Warnung der Food and Drug Administration FDA. Diese wurde 1991 von der US-Kontrollbehörde obligatorisch und in Fettdruck verlangt 9: "Einige Patientinnen und Patienten berichteten nach der Umstellung von Insulin tierischen Ursprungs auf Humaninsulin, dass bei Hypoglykämie-Reaktionen die Frühwarnsymptome weniger deutlich oder unterschiedlich auftraten im Vergleich mit ihrem früheren Insulin". Aktuelle Forschungsergebnisse über die Auswirkungen der Gehirn-Hypoglykämie...ergeben neue Indizien, die den Verlust der Wahrnehmung von Hypoglykämien bzw. deren Symptome bei insulinbedürftigen Diabetikern und Diabetikerinnen erklären können.10 Sie liefern wichtige Informationen zur fehlenden oder abgeschwächten Hypoglykämiewahrnehmung, die hier bei einer Gruppe von Humaninsulin-Behandelten auftrat. Zum Phänomen "human insulin hypoglycaemia unawareness" wurden neurophysiologische und pharmakodynamische Untersuchungen am Menschen publiziert, welche bei Hypoglykämien eine unterschiedliche Signalübermittlung mit tierischem und humanem Insulin erkennen lassen. Die wichtigste und für eine grosse Zahl von Insulinbehandelten bedeutende Folgerung sollte bei allen im Gebiet der Diabetesbehandlung Tätigen Zugang finden: " ... dass elektroencephalographisch registrierte optische und akustische Signale in einer frühen Hypoglykämiephase unter Schweineinsulin intensiver ablaufen im Vergleich zu humanem Insulin. " 11 ...und Forschungsergebnisse, die den Mechanismus für die unterschiedliche Hypoglykämie-Erkennung mit Humaninsulin oder tierischem Insulin aufzeigen
Kritische Beobachtungen aus publizierten Studien, welche tierisches Insulin und Humaninsulin vergleichenHäufig wird von Wissenschaftern nicht berücksichtigt, dass bereits die Teilnahme an einer Studie ein verändertes Verhalten zur Diabeteskontrolle zur Folge hat - oft geschieht dies unbewusst. Ausgelesene Studienpatienten sind nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Insulinbehandelten. Es kann sich um Betroffene mit vorbestehender gestörter Hypoglykämie-Wahrnehmung handeln. 35 Es fehlen teilweise die Angaben für eine Nicht-Teilnahme an der Studie und die Anzahl der Aussteiger. 35, 36 Daten über Hypoglykämie-Wahrnehmung ohne Selbstmessung von Blutzuckerwerten sind von beschränktem Wert, da wegen Hypoglykämie bereits Wahrnehmungs-Ausfälle vorhanden sein können. Beobachtungen von Angehörigen sind aufschlussreicher, da diese oft auch vom Patienten unbemerkte Hypoglykämie-Episoden, die z. B. während der Nacht ablaufen, feststellen. 37, 38 Offensichtlich nicht vergleichbare Studien zum Alltag mit Diabetes und Insulin sind:
Es überrascht nicht, dass bei solchen Experimenten keine Unterschiede zwischen Human- und tierischem Insulin festgestellt werden können. Ähnliches gilt unter Spitalbedingungen mit Inaktivität und kontrolliertem Tagesablauf. Deshalb müssen speziesspezifische Hpoglykämie-Unterschiede in entsprechenden "real-life" Studien untersucht werden. SchlussfolgerungenHumaninsulin hat seine Wirksamkeit während der letzten 10 Jahre belegt und wird von vielen Zuckerkranken zu ihrer Zufriedenheit verwendet. Es liegen keine kontrollierten Langzeitstudien vor, welche Nebenwirkungen von Human- und tierischem Insulin über ein oder mehrere Jahre vergleichen. Eine bedeutende Anzahl von Diabetikern und Diabetikerinnen fühlt sich nach Umstellung von Humaninsulin auf tierisches Insulin sicherer, sie können Hypoglykämiewarnzeichen auch nach zehn und mehr Jahren weiterhin gut wahrnehmen. Bei Fehlen von Hypoglykämie-Warnsymptomen oder zunehmenden Schwierigkeiten der Wahrnehmung kann ohne weiteres von einer Insulinspezies auf die andere gewechselt werden. Die Umstellung von Humaninsulin auf tierisches Insulin ergibt in den meisten Fällen eine Verbesserung der Hypo-Wahrnehmung. 43 Auch für Patienten und Patientinnen, die seit Diabetesbeginn mit Humaninsulin behandelt wurden und Hypoglykämien vermindert wahrnehmen, kann der Wechsel auf tierisches Insulin Vorteile bringen. 44 Erst die Umstellung ermöglicht die Beurteilung, welche der beiden Insulinspezies für die Erhaltung der Lebensqualität vorteilhafter ist. Am Liverpool Symposium über Humaninsulin und Hypoglykämie (1992) wurde einstimmig der Vorschlag an die Insulinhersteller gerichtet, eine genügend grosse Feldstudie mit humanem und tierischem Insulin durchzuführen. Bis zum Vorliegen wissenschaftlich gesicherter Vorteile von Humaninsulin empfahl die Kongress-leitung: "... der einfache praktische Ratschlag ist der, dass Patienten mit Diabetes, die tierische Insuline verwenden möchten, das Insulin ihrer Wahl zur Verfügung stehen muss." 46 Der Vorschlag am Liverpool Symposium blieb mangels Interesse der Insulinhersteller liegen. Im Jahr 1996 scheint es unmöglich, noch eine genügend grosse Studie zur Häufigkeit schwerer Hypoglykämien mit tierischem vs. humanem Insulin durchzuführen, nicht zuletzt aus ethischen Gründen. Auf Grund der uns heute vorliegenden Indizien kann in der Regel jederzeit eine Umstellung von humanem auf tierisches Insulin erfolgreich durchgeführt werden. Die Fachliteratur beschreibt unterschiedliche Abläufe kognitiver Funktionen unter den beiden Insulinspezies und eine verminderte Stimulation des autonomen Nervensystems mit Humaninsulin im Vergleich zu tierischem Insulin. Diese Beobachtungen stimmen mit denjenigen aus wissenschaftlichen Arbeiten über die Glukoseaufnahme im Gehirn bei gut eingestelltem Diabetes überein und ermöglichen eine Erklärung für die verminderte Wahrnehmung der Warnsymptome bei Humaninsulin-Hypoglykämien. Dies gilt auch im höheren Alter bei noch erhaltener hormonaler Gegenregulation 47 Fügt man dazu die zahlreichen Fallberichte von Diabetikerinnen, Diabetikern oder ihren Angehörigen, die praktische Probleme mit Humaninsulin selbst erlebt haben, lässt sich immer deutlicher die Forderung erheben: Humaninsulin hat keine Vorteile im Alltag und sollte nicht automatisch als erste Wahl für insulinabhängige oder insulinbedürftige Zuckerkranke verwendet werden, sondern tierisches Insulin. (Appell der Internationalen Insulin-Arbeitsgruppe an die Insulinhersteller und Aerztinnen/Aerzte, Rockefeller Foundation Center Bellagio, April 1996) Diese Schlussfolgerung stimmt mit den Richtlinien und ethischen Empfehlungen von Gesundheitsministerien und der Heilmittelkontrolle für eine patientenorientierte Langzeitkontrolle von gentechnisch hergestellten Heilmitteln überein.
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